Mit Respekt und Freiheit zurück zu den Quellen
„Anima Eterna hat eine Entwicklung eingeleitet, die man in Zukunft nicht mehr außer Acht lassen kann, wenn man auf glaubwürdige Art und Weise Musik des 19. Jahrhunderts aufführen will.“ Dies schrieb Herman Baeten, Direktor des belgischen Musikforschungszentrums Musica, im Jahr 1997.
Heute, über zehn Jahre später, führt Anima Eterna Kompositionen von Maurice Ravel, Francis Poulenc, Béla Bartók, Georges Gershwin oder Manuel de Falla auf. Das Orchester hat nicht nur wegen seiner epochengetreuen Aufführungen des bekannten Repertoires des 19. Jahrhunderts einen ausgezeichneten Ruf erworben; seine Untersuchung historischer Musik umfasst mittlerweile auch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Anima Eterna arbeitet dabei projektorientiert. Fünf bis sechsmal pro Jahr konzentrieren sich Orchester und Dirigent einige Wochen lang intensiv auf ein bestimmtes Repertoire. Die Erforschung der historischen Aufführungspraxis erfolgt stets in einem Dialog zwischen Dirigent und Orchester, wobei musikwissenschaftliche Erkenntnisse eine wichtige Rolle spielen. Bei jedem Projekt wird ein fester Kern von Solisten um Musiker erweitert, die Erfahrungen auf dem Gebiet des jeweiligen Repertoires und der jeweiligen Instrumente haben.
Wer historische Musik epochengetreu aufführen will, stößt immer wieder auf das Dilemma, auf das Felix Mendelssohn uns aufmerksam machte: Entweder, man bleibt beim „Urtext“ und den dazugehörenden Instrumenten, oder man entscheidet sich für moderne Instrumente und passt die Komposition an sie an.
Anima Eterna hat sich konsequent für Ersteres entschieden.
In den vergangenen 15 Jahren hat sich Anima Eterna von einem kleinen Barockensemble zu einem vollwertigen Symphonieorchester entwickelt, dessen Besetzung und Instrumentarium sich stets nach dem jeweiligen Programm richten und je nach den Anforderungen der historischen Aufführungspraxis variieren. Denn authentisches Musizieren bedeutet nicht nur, sich der Freude hinzugeben, die beim Musizieren auf alten Instrumenten mit ihren herrlichen Klängen entsteht. Vielmehr bedeutet es, dass der Interpret die Komposition abermals in den ursprünglichen Zeitgeist einbindet – den Geist der Zeit, in der der Komponist wirkte – und sie von diesem Punkt aus gewissenhaft rekonstruiert.
Bei der Aufführung von Barockmusik ist dieses Vorgehen bereits vor geraumer Zeit zur allgemein gültigen Praxis geworden. In die klassische Musik hat die epochengetreue Aufführung erst später Einzug gehalten, was vermutlich mit ein Grund dafür ist, dass sich weniger Orchester darauf konzentrieren. Was die romantische Musik angeht, so ist im Kielsog einer Reihe renommierter Ensembles eine noch vorsichtige, aber dennoch bereits deutlich spürbare Aufholbewegung festzustellen.
Nach und nach wurde der musikalische Reichtum des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt. Jedoch wurde das beliebte „eiserne Repertoire“ – nahezu unbemerkt – dem jeweils vorherrschenden Geschmack und den Hörgewohnheiten des Publikums angepasst. Der Versuch einer Rekonstruktion des ursprünglichen Charakters dieser Musik kann deshalb sowohl für Musiker als auch für Publikum viel schwieriger sein als die epochengetreue Interpretation weniger bekannter alter und jüngerer Werke. Unsere Wahrnehmung ist nun einmal gründlich durch renommierte Dirigenten und andere Musiker beeinflusst, für die die in ihrer Zeit gültigen Normen und ihre persönlichen Auffassungen stets im Mittelpunkt standen und die sich selten oder nie durch historische Überlegungen einschränken ließen.
Anima Eterna spielte eine Vorreiterrolle bei der Demontierung dieser „traditionellen“ Aufführungspraxis. Das Abenteuer, auf das sich das Orchester eingelassen hat, fasziniert immer breitere Kreise und auch junge Menschen. Auch die internationale Musikkritik reagiert überrascht und begeistert auf jede neue Rekonstruktion der musikalischen Schätze unserer Vergangenheit.
“Immer mehr Menschen verstehen, dass man einem Komponisten keinen grösseren Respekt zollen kann, als indem man seine Musik ernst nimmt, und zwar durch eine Ausführung in der Pflicht und Freiheit Hand in Hand gehen. Unter Pflicht verstehe ich: korrekte Ausführung des Notentextes, Gebrauch des vorgeschriebenen Instrumentariums, Anwendung historischer Gegebenheiten, als da wären Stimmtonhöhe, Spieltechnik, Gleichgewicht innerhalb des Orchesters sowie das vom Komponisten geforderte Tempo. Aber es gibt auch Freiheit; das Recht nämlich, hier und jetzt zu leben, mit dem uns eigenen Wissen und Gefühl, und mit der Möglichkeit, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel wohldosiert einzusetzen.”
Jos Van Immerseel
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